Das Bild zeigt die Drohung des US-Softwareanbieters Palantir, mit der er seine europäischen Kunden unter Druck setzt (KI-generiert).

US-Software als Waffe: Palantir-Manifest zeigt drastisch Notwendigkeit digitaler Souveränität

Geschrieben von Sebastian Deck
8. Juni 2026

Alex Karps Palantir-Manifest erklärt US-Software offiziell zur Waffe der US-Hegemonie, die europäische Kunden mitfinanzieren. Die internationale Kritik wächst, der Begriff "Technofaschismus" macht die Runde. Was das für Europa bedeutet – und warum digitale Souveränität spätestens jetzt nicht mehr verhandelbar ist. 

Palantir-CEO Alex Karp hat gemeinsam mit Nicholas Zamiska ein 22-Punkte-Manifest auf X veröffentlicht – verdichtet aus dem Buch „The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West“. Das Dokument ist kein PR-Text, sondern eine ideologische Kriegserklärung: US-Software wird plötzlich ganz offen offiziell als Instrument der „Hard Power“ definiert, das Silicon Valley als verlängerter Arm des Pentagons, und Pluralismus wird als „hohl“ abqualifiziert. Wer in Europa eine Cloud-Rechnung bezahlt, finanziert ab sofort einen Akteur, der seine eigene Rolle so deutlich beschreibt wie nie zuvor. Genau deshalb muss Europa diesen Moment ernst nehmen – als das, was er ist: ein ultimativer Weckruf für digitale Souveränität.

Was im Manifest steht – und warum es um mehr geht als Tech

Das Manifest fasst auf 22 Punkten die Kernthesen des Buchs zusammen, das Karp und Zamiska als ihre weltanschauliche Standortbestimmung verstehen. Der Ton ist nicht der eines Software-Anbieters, sondern der eines geopolitischen Akteurs.
Drei Stränge ziehen such durch den Text:

  1. Software ist „Hard Power“: Karp postuliert, das Atomzeitalter sei vorbei – die nächste Ära der Abschreckung werde „auf KI gebaut“. US-Tech-Unternehmen seien deshalb in der Pflicht, KI-Waffen zu entwickeln; Gegner würden „nicht pausieren, um sich auf theatralische Debatten einzulassen“.

  2. Das Silicon Valley schuldet dem Staat: Die „engineering elite“ habe Jahrzehnte mit „obsession-driven apps“ verschwendet, statt zur Landesverteidigung beizutragen. Das Manifest fordert eine moralische Schuld der Tech-Industrie gegenüber den USA – und eine Wiedereinführung der Wehrpflicht, damit „jeder Bürger im Fall eines notwendigen Konflikts seinen Teil trägt“.

  3. Pluralismus als Schwäche: Punkt 22 verlangt wörtlich, „der seichten Versuchung eines leeren und hohlen Pluralismus“ zu widerstehen. Punkt 21 sortiert Kulturen in solche, die „bedeutende Fortschritte hervorgebracht“ haben, und solche, die „dysfunktional und regressiv“ geblieben seien. Punkt 20 fordert ein offensives Zurückdrängen der „durchdringenden Intoleranz religiösen Glaubens“.

Die internationale Kritik ist vernichtend: Eine kommentierte kritische Einordnung von TechPolicy.Press zerlegt das Dokument Punkt für Punkt: Al Jazeera ordnet den geopolitischen Kontext ein und zitiert mehrere prominente Kritiker.         

In der Analyse drängt sich eine unangenehme Wahrheit auf: Wenn der CEO eines der größten Software-Lieferanten der westlichen Sicherheitsarchitektur seine Plattform öffentlich als Werkzeug der nationalen Machtprojektion der USA deklariert, dann ist das kein PR-Stunt mehr. Das ist eine Kampfansage an alle Kunden außerhalb der USA. Internationale Beobachter bringen den Begriff "Technofaschismus" ins Spiel, um zu verdeutlichen, welche Gefahr das Manifest für die internationale Zusammenarbeit bedeutet.

 

Drei Thesen, die Europa direkt betreffen

Aus europäischer Sicht sind drei Punkte des Manifests besonders relevant – nicht, weil sie überraschen, sondern weil sie eine bisher unausgesprochene Realität jetzt explizit machen.

  • Software ist keine neutrale Infrastruktur mehr. Wer US-Plattformen einsetzt, finanziert nach Selbstauskunft von Palantir eine Hard-Power-Architektur, deren Zweck die Verteidigung der US-Hegemonie ist. Das hat unmittelbare Konsequenzen für jede Cloud-Beschaffung in der EU, weil der „neutrale Anbieter“ als Argument entfällt.

  • Tech und Pentagon sollen verschmelzen. Furkan Yildiz fasst es in seiner LinkedIn-Analyse zugespitzt zusammen: Silicon Valley solle „keine Konsumenten-Apps mehr bauen, sondern komplett mit dem Pentagon verschmelzen“. Die Implikation für europäische Behörden, Krankenhäuser und Mittelständler: Jeder produktive Workflow auf US-Plattformen läuft auf einer Infrastruktur, deren Anbieter sich selbst als strategischen Verbündeten einer fremden Sicherheitsdoktrin definiert.

  • Werteverschiebung statt Werte-Allianz. Pluralismus wird im Manifest nicht als westliche Stärke, sondern als „hohle“ Schwäche beschrieben. Genau dieses Verständnis von Pluralismus, Religionsfreiheit und kultureller Vielfalt ist aber das, worauf europäische Demokratien aufgebaut sind. Das Manifest macht den werte-politischen Spalt im transatlantischen Verhältnis sichtbarer als jede außenpolitische Erklärung der letzten Jahre.

Wer Palantir in Europa bereits einkauft – und warum das jetzt zur Bedrohung wird

Das Manifest wäre eine Randnotiz, hätte Palantir in Europa keine produktiven Verträge. Hat das Unternehmern aber, und zwar nicht zu knapp. Der britische National Health Service NHS hat einen Datenplattform-Vertrag im Volumen von rund 330 Millionen Pfund mit Palantir abgeschlossen – die sensibelste Patientendaten-Infrastruktur eines G7-Staats läuft damit bei einem Anbieter, der parallel ImmigrationOS für ICE entwickelt: eine KI-Plattform zur Identifizierung und Verfolgung von Migranten, finanziert durch einen 30-Millionen-Dollar-No-Bid-Auftrag. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Doppelrolle dokumentiert Eliot Higgins (Bellingcat): Palantir „verkauft operative Software an Verteidigungs-, Geheimdienst-, Migrations- und Polizeibehörden“. Mark Coeckelbergh bezeichnet das Manifest als „Beispiel für Technofaschismus“, der Ökonom Yanis Varoufakis warnt vor einer „KI-getriebenen Bedrohung der menschlichen Existenz“ – nachzulesen bei Al Jazeera. In einer ausführlichen Analyse kommt The Nation zu einer ähnlich alarmierenden Einschätzung.

Auch in Deutschland gibt es laufende Palantir-Installationen, vor allem bei mehreren Landespolizeien. Mit dem Manifest hat jede dieser Installationen ein neues Risiko-Profil: Der Anbieter hat selbst klargestellt, dass seine Software nicht für eine neutrale Service-Rolle bestimmt ist, sondern Teil einer expliziten geopolitischen Mission.

Das Manifest macht unmissverständlich deutlich: Wer heute Palantir, Microsoft oder AWS produktiv einsetzt, kauft heute nicht mehr nur Software – er kauft ein politisches Druckmittel mit. Das Manifest hat das nur ausgesprochen, was im Vertrags-Kleingedruckten schon seit Jahren steht.

 

Was das Manifest praktisch bedeutet – mit jeder Cloud-Rechnung


Furkan Yildiz bringt die operative Dimension auf den Punkt: Mit jeder Cloud-Rechnung finanzieren europäische Kunden „aktiv den Ausbau genau dieser US-Machtstruktur“ – und schließt mit dem Satz, der das Manifest in eine europäische Handlungslogik übersetzt: „Echte Souveränität tut am Anfang weh. Abhängigkeit tötet dich am Ende.“ 

Die Mechanik dahinter ist nüchtern: Cloud-Umsätze finanzieren Forschungs- und Entwicklungs-Budgets der US-Anbieter, die wiederum zu erheblichen Teilen in defense-, intelligence- und security-affine Programme fließen. Das war schon vor dem Manifest so; das Manifest macht es lediglich öffentlich begründungspflichtig. Ein deutscher Klinik-CIO, der heute eine Microsoft-365-Vollausstattung verlängert, finanziert mit seinem Budget anteilig auch die Infrastruktur, die in der Karp-Lesart explizit zur „Verteidigung des Westens“ als US-geführter Ordnung gehört. Das ist kein moralisches Urteil – es ist eine Beschaffungs-Realität, die jeder IT-Verantwortliche ab sofort begründen können muss.

Der eigentliche Schock am Manifest ist nicht die Aggressivität – sondern die Ehrlichkeit. Karp hat europäischen Beschaffern gerade die letzte Ausrede genommen, US-Plattformen weiterhin als neutrale Infrastruktur zu behandeln.

 

Vier Hebel, die Europa jetzt konkret ziehen muss

Souveränität ist keine Rhetorik-Übung, sondern eine Beschaffungs-Entscheidung. Konkret bedeutet das vier Hebel, die in den nächsten zwölf Monaten in jeder europäischen IT-Strategie auftauchen sollten:

  1. Schlüsselherrschaft beim Nutzer. Bring Your Own Key (BYOK) als Mindeststandard – wer den Schlüssel nicht selbst hält, hat keine Datenkontrolle, unabhängig vom Rechenzentrums-Standort.

  2. Offene Standards statt Lock-in. Cloud-Verträge müssen technisch jederzeit migrierbar sein. Open Source, dokumentierte APIs und exportierbare Datenformate sind die Versicherung gegen geopolitische Erpressbarkeit.

  3. Souveräne Anbieter aktiv qualifizieren. Die 250-Millionen-Vergabe des Bundes an T-Systems/SAP und SVA/Schwarz Digits/Codesphere hat den Markt der europäischen Anbieter sichtbar gemacht. Jeder Privatsektor-CIO sollte mindestens einen souveränen Anbieter in jedem produktiven Workload-Bereich qualifiziert haben – Cloud, Identität, KI, Kollaboration.

  4. Beschaffungs-Kriterien werte-tauglich machen. CLOUD Act, FISA 702 und Executive Orders sind keine theoretischen Risiken, sondern Rechtsgrundlagen, die jede US-Anbieter-Beziehung jederzeit aushebeln können. Wer das nicht im Beschaffungs-Vertrag adressiert, hat keinen belastbaren Plan B.

Souveräne Infrastruktur als Grundlage – warum SecureCloud die Klarheit des Palantir-Manifests aktiv begrüßt

SecureCloud betreibt seine Plattform zu 100 Prozent in Deutschland auf eigener Hardware bei der noris network AG, BSI C5:2020-zertifiziert, mit Schlüsselverwaltung in Europa, Bring Your Own Key auf Wunsch und ausschließlich Open-Source-Kernkomponenten. Wir liefern damit exakt das, was Behörden, Kliniken, Banken, Kanzleien und der regulierte Mittelstand jetzt brauchen: eine produktive Cloud-, Mail- und Collaboration-Plattform, die ohne CLOUD-Act-Exposure, ohne FISA-702-Zugriff und ohne Vendor-Lock-in auskommt.

Das Palantir-Manifest ist für uns kein Anlass zu Polemik, sondern zu strategischer Klarheit. Karp hat eine Wahrheit ausgesprochen, die viele europäische Beschaffer bislang lieber verdrängt haben: US-Software ist Hard Power. Dieser Satz nimmt unseren Kunden die Angst, „extreme Positionen“ zu beziehen, wenn sie auf eine europäische Plattform wechseln – sie folgen schlicht der Selbstbeschreibung des US-Marktführers.

Fazit: Es gibt keine Ausreden mehr dafür, nicht endlich souverän zu werden


Das Palantir-Manifest ist der bislang deutlichste Hinweis, dass die Ära der „neutralen“ US-Software vorbei ist – ausgesprochen vom CEO eines der einflussreichsten US-Software-Anbieter selbst. Europa hat damit alles, was es für eine begründete Beschaffungs-Entscheidung braucht: eine offizielle Selbstauskunft des Anbieters, eine wachsende Zahl produktiver europäischer Alternativen und einen Regulierungsrahmen (DSA, DMA, EU AI Act, BSI C3A), der souveräne Infrastruktur erstmals operativ messbar macht. Was jetzt fehlt, ist keine weitere Studie, sondern eine Beschaffungs-Entscheidung. Souveränität tut am Anfang weh – Abhängigkeit am Ende mehr.


 

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Sebastian Deck

Sebastian Deck ist Chief Marketing Officer (CMO) von SecureCloud und verantwortet Markenstrategie, Kommunikation und Marketing. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Aufbau und in der Führung internationaler Marketingteams in Beratungs-, FinTech- und Technologieunternehmen. Bei SecureCloud verantwortet er die Markenpositionierung, Thought Leadership sowie die Lead-Generierung und steuert Go-to-Market-Initiativen und Kampagnen, um SecureCloud als führenden Anbieter für Cyber-Security und sichere Cloud-Lösungen zu positionieren.

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