Wende in der Wolke: Europa überholt USA bei Sovereign Cloud-Investitionen
Gartner prognostiziert: 2027 werden erstmals mehr Investitionen in souveräne Cloud-Infrastruktur in Europa fließen als in Nordamerika. Was dahintersteckt - und warum das jedes Unternehmen in Deutschland betrifft.
Die Zahlen sind eindeutig: Europa wird 2027 bei den Ausgaben für souveräne Cloud-Infrastruktur an Nordamerika vorbeiziehen. Das ist kein Wunschtraum mehr, sondern eine Entwicklung, die bereits 2026 deutlich an Fahrt aufnimmt. Laut einer aktuellen Studie des Analystenhauses Gartner werden die Investitionen in Sovereign Cloud Infrastructure-as-a-Service (IaaS) in Europa von 6,9 Milliarden Dollar 2025 auf 23,1 Milliarden Dollar 2027 steigen - eine Verdreifachung innerhalb von zwei Jahren.
Die treibende Kraft: Geopolitische Realitäten
"Organisationen außerhalb von USA und China investieren verstärkt in souveräne Cloud-IaaS, um digitale und technologische Unabhängigkeit zu erlangen", erklärt René Büst, Senior Director Analyst bei Gartner. Die Sorge ist real und konkret: Vielerorts evaluieren Unternehmen und Behörden gerade mit Hochdruck, wie sie sich gegen "Blackout" und "Kill Switch" schützen können - also dagegen, dass ihnen der Zugang zu kritischer US-IT-Infrastruktur einfach von außen"abgedreht" werden kann.
Diese Befürchtung ist längst nicht mehr rein theoretisch. Als im Mai 2025 der Chefankläger des InternationalenStrafgerichtshofs (ICC) plötzlich keinen Zugriff mehr auf sein Microsoft-E-Mail-Konto hatte, war das ein Weckruf für viele europäische Institutionen. Ob direkte Einflussnahme oder nicht - der Vorfall zeigte die Verletzlichkeit europäischer Institutionen durch die Abhängigkeit von US-Tech-Anbietern.
Deutschland investiert Milliarden in eigene Infrastruktur
Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. In Deutschland entstehen derzeit gleich mehrere Leuchtturmprojekte, die in Sachen europäischer Souveränität auf mehr hoffen lassen als reine Absichtserklärungen:
Deutsche Telekom & NVIDIA: Industrial AI Cloud
Am 4. Februar 2026 nahm die Deutsche Telekom ihre "Industrial AI Cloud" in München offiziell in Betrieb - in Anwesenheit von Vizekanzler Lars Klingbeil und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Die Rekordzeit beeindruckt: In nur sechs Monaten wurde das Projekt gemeinsam mit NVIDIA und dem Datacenter-Partner Polarise realisiert - mit einem Investitionsvolumen von mehr als einer Milliarde Euro. Bis zu 10.000 GPUs wurden dort installiert, die Rechenleistung entspricht 2,3 Millionen handelsüblichen Computern. Das Besondere: Die Daten bleiben vollständig in Deutschland, Betreiber sind ausschließlich europäische Mitarbeiter.
Schwarz Gruppe: 11-Milliarden-Rechenzentrum
Noch größer dimensioniert ist das Projekt der Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland): In Lübbenau im Spreewald entsteht für 11 Milliarden Euro eines der größten Rechenzentren Europas. Platz für bis zu 100.000 GPUs soll dort entstehen - zehnmal mehr als bei der Telekom. Die Digitalsparte Schwarz Digits will mit ihrem Cloud-Anbieter StackIT so zum europäischen Hyperscaler aufsteigen.
Diese Projekte sind keine Einzelfälle, sondern Teil eines europäischen Trends. Allein in Deutschland fließen derzeit schätzungsweise 20 Milliarden Euro in souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur.
Behörden machen Ernst: Der Exodus hat begonnen
Parallel zu den Infrastruktur-Investitionen vollziehen immer mehr Behörden und öffentliche Einrichtungen den Wechsel zu europäischen Alternativen:
Internationaler Strafgerichtshof (ICC)
Ende Oktober 2025 verkündete der ICC in Den Haag den vollständigen Wechsel von Microsoft Office zu openDesk - einer vom deutschen Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) entwickelten Open-Source-Lösung. Rund 1.800 Arbeitsplätzewerden umgestellt.
Schleswig-Holstein: 30.000Arbeitsplätze
Das Bundesland migriert derzeit die gesamte Landesverwaltung auf Linux und LibreOffice. Über 40.000 E-Mail-Postfächer wurden bereits von Microsoft Exchange zu Open-Xchange und Thunderbird umgezogen. Digitalisierungsminister Dirk Schrödter vergleicht die Abhängigkeit von US-Tech-Giganten mit Europas früherer Abhängigkeit von russischem Gas.
Bundeswehr
Im April 2025 unterzeichnete die Bundeswehr einen Siebenjahresvertrag mit ZenDiS über die Einführung von openDesk. Auch das österreichische Militär hatMicrosoft Office durch LibreOffice ersetzt.
Bundesregierung: 160.000 Lizenzen
Bis Ende 2025 sollen 160.000 openDesk-Lizenzen in der deutschen Bundesverwaltung ausgerollt werden - ein Projekt, das international als Blaupause für digitale Souveränität beobachtet wird.
Die Zahlen sprechen für sich
Die Gartner-Prognosen zeigen das Ausmaß der Verschiebung:
- Weltweit: Anstieg der Investitionen von 59,3 Milliarden Dollar (2025) auf 110,6 Milliarden Dollar (2027)
- Europa: Ein Plus von 6,9 auf 23,1 Milliarden Dollar - also satte 235%
- USA: Anstieg von 12,4 auf 15,8 Milliarden Dollar - ein Plus von nur 27%
Besonders bemerkenswert: Etwa 20 Prozent der bestehenden Workloads werden laut Gartner von globalen zu lokalen Cloud-Anbietern verlagert. Die übrigen 80 Prozent der Investitionen fließen in neue digitale Lösungen oder die Modernisierung von Altsystemen.
Der US CLOUD Act als Treiber
Ein zentraler Treiber für die europäische Kehrtwende ist der US CLOUD Act von 2018. Dieses Gesetz ermöglicht es amerikanischen Behörden, US-Unternehmen zur Herausgabe von Daten zu zwingen - unabhängig davon, wo diese Daten physisch gespeichert sind. Selbst Daten in europäischen Rechenzentren können somit auf Geheiß der US-Regierung zugänglichgemacht werden.
"Viele europäische Organisationen befürchten, dass sie von wichtigen Cloud-Diensten aus politischen Gründen abgeschnitten werden könnten", erklärt René Büst von Gartner gegenüber TheRegister. Diese Unsicherheit sei schlecht für Organisationen, die langfristigplanen müssen.
Europa nimmt seine Souveränität selbst in die Hand
Die Europäische Union unterstützt dieBewegung mit konkreten Maßnahmen:
EU-Cloud-Souveränitäts-Framework (SEAL)
Im Oktober 2025 stellte die EU-Kommission ihr neues Bewertungssystem vor: SEAL (Sovereign European Assurance Level). Dieses Framework hilft Behörden und Unternehmen bei der Auswahl sicherer, souveräner Cloud-Dienste.
180-Millionen-Euro-Ausschreibung
Die EU-Kommission hat eine sechsjährige Ausschreibung für souveräne Cloud-Computing-Dienste im Wert von 180 Millionen Euro gestartet. Der Vertrag soll EU-Institutionen, -Gremien und -Agenturen mit europäischen Cloud-Services versorgen.
European Digital InfrastructureConsortium (EDIC)
Ende Oktober 2025 wurde das EDIC offiziell gegründet mit dem Ziel, souveräne digitale Infrastrukturen aufzubauen und zu betreiben.
Keine "echte Souveränität" mit US-Anbietern
Die US-Hyperscaler spüren den wachsenden Druck. AWS, Microsoft und Google haben jeweils "SovereignCloud"-Angebote angekündigt:
- AWS European Sovereign Cloud
- Oracle EU Sovereign Cloud
- Microsoft Sovereign Cloud
Doch Gartner-Analyst Büst bleibt skeptisch:"Die Hyperscaler dürfen Souveränität nicht nur als reines Sicherheits-, Regulierungs- und Compliance-Thema behandeln. Das wäre ein Fehler - und deswegen werden sie auch Marktanteile verlieren."
Das Problem: Auch bei diesen"souveränen" Angeboten bleiben letztlich die rechtlichen Abhängigkeiten zu den US-Mutterkonzernen bestehen - sei es bei Software-Updates, technischer Kontrolle oder der rechtlichen Unternehmensstruktur. Oder in anderen Worten: "Echte europäische Datensouveränität" können die Angebote von US Hyperscalern niemals bieten, weil sie durch den US Cloud Act immer rechtlich angreifbar sind. Unternehmen oder Behörden, die wirklich volle Souveränität suchen, müssen also Anbieter suchen, die keinerlei technische oder rechtliche Angriffspunkte für den US Cloud Act bieten. Und da wird die Auswahl schon deutlich kleiner.
Was bedeutet das für deutsche Unternehmen und Behörden?
Die Entwicklung hin zu europäischenCloud-Lösungen ist kein reiner Behördentrend mehr. Besonders regulierte Branchen wie Gesundheitswesen, Finanzsektor und kritische Infrastruktur denken zunehmend um und handeln.
Die Vorteile sind vielfältig:
- Rechtssicherheit: DSGVO-Compliance ohne Grauzonen
- Betriebskontinuität: Schutz vor politisch motivierten Zugangsbeschränkungen
- Wettbewerbsvorteil: Lokale Anbieter verstehen europäische Anforderungen besser
- Wirtschaftsförderung: Investitionen bleiben in Europa
"Die Strategie ist heute immer noch Cloud-First, aber nicht mehr Hyperscaler-First", fasst Gartner-AnalystBüst die neue Realität zusammen.
Fazit: Wendepunkt für Europa
Die Prognose von Gartner ist mehr als eine Zahl. Sie markiert einen fundamentalen Wandel in Europas digitaler Strategie. Nach Jahren der fast vollständigen Abhängigkeit von US-Cloudanbietern investiert Europa massiv in eigene Infrastruktur und Alternativen.
Die Kombination aus Milliarden-Investitionen in Rechenzentren, dem Wechsel großer Institutionen zu europäischen Lösungen und gezielter EU-Politik schafft erstmals ein glaubwürdiges Gegengewicht zur Dominanz der US-Hyperscaler.
Für Unternehmen in Deutschland bedeutet das: Souveräne europäische Cloud-Lösungen sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern Realität. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell Organisationen den Schritt wagen - und ob sie zu den Vorreitern oder Nachzüglern gehören wollen.
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Sebastian Deck
Sebastian Deck ist Chief Marketing Officer (CMO) von SecureCloud und verantwortet Markenstrategie, Kommunikation und Marketing. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Aufbau und in der Führung internationaler Marketingteams in Beratungs-, FinTech- und Technologieunternehmen. Bei SecureCloud verantwortet er die Markenpositionierung, Thought Leadership sowie die Lead-Generierung und steuert Go-to-Market-Initiativen und Kampagnen, um SecureCloud als führenden Anbieter für Cyber-Security und sichere Cloud-Lösungen zu positionieren.