Alex Karps Palantir-Manifest erklärt US-Software offiziell zur Waffe der US-Hegemonie, die europäische Kunden mitfinanzieren. Die internationale Kritik wächst, der Begriff "Technofaschismus" macht die Runde. Was das für Europa bedeutet – und warum digitale Souveränität spätestens jetzt nicht mehr verhandelbar ist.
Palantir-CEO Alex Karp hat gemeinsam mit Nicholas Zamiska ein 22-Punkte-Manifest auf X veröffentlicht – verdichtet aus dem Buch „The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West“. Das Dokument ist kein PR-Text, sondern eine ideologische Kriegserklärung: US-Software wird plötzlich ganz offen offiziell als Instrument der „Hard Power“ definiert, das Silicon Valley als verlängerter Arm des Pentagons, und Pluralismus wird als „hohl“ abqualifiziert. Wer in Europa eine Cloud-Rechnung bezahlt, finanziert ab sofort einen Akteur, der seine eigene Rolle so deutlich beschreibt wie nie zuvor. Genau deshalb muss Europa diesen Moment ernst nehmen – als das, was er ist: ein ultimativer Weckruf für digitale Souveränität.
Das Manifest fasst auf 22 Punkten die Kernthesen des Buchs zusammen, das Karp und Zamiska als ihre weltanschauliche Standortbestimmung verstehen. Der Ton ist nicht der eines Software-Anbieters, sondern der eines geopolitischen Akteurs.
Drei Stränge ziehen such durch den Text:
Die internationale Kritik ist vernichtend: Eine kommentierte kritische Einordnung von TechPolicy.Press zerlegt das Dokument Punkt für Punkt: Al Jazeera ordnet den geopolitischen Kontext ein und zitiert mehrere prominente Kritiker.
In der Analyse drängt sich eine unangenehme Wahrheit auf: Wenn der CEO eines der größten Software-Lieferanten der westlichen Sicherheitsarchitektur seine Plattform öffentlich als Werkzeug der nationalen Machtprojektion der USA deklariert, dann ist das kein PR-Stunt mehr. Das ist eine Kampfansage an alle Kunden außerhalb der USA. Internationale Beobachter bringen den Begriff "Technofaschismus" ins Spiel, um zu verdeutlichen, welche Gefahr das Manifest für die internationale Zusammenarbeit bedeutet.
Aus europäischer Sicht sind drei Punkte des Manifests besonders relevant – nicht, weil sie überraschen, sondern weil sie eine bisher unausgesprochene Realität jetzt explizit machen.
Das Manifest wäre eine Randnotiz, hätte Palantir in Europa keine produktiven Verträge. Hat das Unternehmern aber, und zwar nicht zu knapp. Der britische National Health Service NHS hat einen Datenplattform-Vertrag im Volumen von rund 330 Millionen Pfund mit Palantir abgeschlossen – die sensibelste Patientendaten-Infrastruktur eines G7-Staats läuft damit bei einem Anbieter, der parallel ImmigrationOS für ICE entwickelt: eine KI-Plattform zur Identifizierung und Verfolgung von Migranten, finanziert durch einen 30-Millionen-Dollar-No-Bid-Auftrag. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Doppelrolle dokumentiert Eliot Higgins (Bellingcat): Palantir „verkauft operative Software an Verteidigungs-, Geheimdienst-, Migrations- und Polizeibehörden“. Mark Coeckelbergh bezeichnet das Manifest als „Beispiel für Technofaschismus“, der Ökonom Yanis Varoufakis warnt vor einer „KI-getriebenen Bedrohung der menschlichen Existenz“ – nachzulesen bei Al Jazeera. In einer ausführlichen Analyse kommt The Nation zu einer ähnlich alarmierenden Einschätzung.
Auch in Deutschland gibt es laufende Palantir-Installationen, vor allem bei mehreren Landespolizeien. Mit dem Manifest hat jede dieser Installationen ein neues Risiko-Profil: Der Anbieter hat selbst klargestellt, dass seine Software nicht für eine neutrale Service-Rolle bestimmt ist, sondern Teil einer expliziten geopolitischen Mission.
Das Manifest macht unmissverständlich deutlich: Wer heute Palantir, Microsoft oder AWS produktiv einsetzt, kauft heute nicht mehr nur Software – er kauft ein politisches Druckmittel mit. Das Manifest hat das nur ausgesprochen, was im Vertrags-Kleingedruckten schon seit Jahren steht.
Furkan Yildiz bringt die operative Dimension auf den Punkt: Mit jeder Cloud-Rechnung finanzieren europäische Kunden „aktiv den Ausbau genau dieser US-Machtstruktur“ – und schließt mit dem Satz, der das Manifest in eine europäische Handlungslogik übersetzt: „Echte Souveränität tut am Anfang weh. Abhängigkeit tötet dich am Ende.“
Die Mechanik dahinter ist nüchtern: Cloud-Umsätze finanzieren Forschungs- und Entwicklungs-Budgets der US-Anbieter, die wiederum zu erheblichen Teilen in defense-, intelligence- und security-affine Programme fließen. Das war schon vor dem Manifest so; das Manifest macht es lediglich öffentlich begründungspflichtig. Ein deutscher Klinik-CIO, der heute eine Microsoft-365-Vollausstattung verlängert, finanziert mit seinem Budget anteilig auch die Infrastruktur, die in der Karp-Lesart explizit zur „Verteidigung des Westens“ als US-geführter Ordnung gehört. Das ist kein moralisches Urteil – es ist eine Beschaffungs-Realität, die jeder IT-Verantwortliche ab sofort begründen können muss.
Der eigentliche Schock am Manifest ist nicht die Aggressivität – sondern die Ehrlichkeit. Karp hat europäischen Beschaffern gerade die letzte Ausrede genommen, US-Plattformen weiterhin als neutrale Infrastruktur zu behandeln.
Souveränität ist keine Rhetorik-Übung, sondern eine Beschaffungs-Entscheidung. Konkret bedeutet das vier Hebel, die in den nächsten zwölf Monaten in jeder europäischen IT-Strategie auftauchen sollten:
SecureCloud betreibt seine Plattform zu 100 Prozent in Deutschland auf eigener Hardware bei der noris network AG, BSI C5:2020-zertifiziert, mit Schlüsselverwaltung in Europa, Bring Your Own Key auf Wunsch und ausschließlich Open-Source-Kernkomponenten. Wir liefern damit exakt das, was Behörden, Kliniken, Banken, Kanzleien und der regulierte Mittelstand jetzt brauchen: eine produktive Cloud-, Mail- und Collaboration-Plattform, die ohne CLOUD-Act-Exposure, ohne FISA-702-Zugriff und ohne Vendor-Lock-in auskommt.
Das Palantir-Manifest ist für uns kein Anlass zu Polemik, sondern zu strategischer Klarheit. Karp hat eine Wahrheit ausgesprochen, die viele europäische Beschaffer bislang lieber verdrängt haben: US-Software ist Hard Power. Dieser Satz nimmt unseren Kunden die Angst, „extreme Positionen“ zu beziehen, wenn sie auf eine europäische Plattform wechseln – sie folgen schlicht der Selbstbeschreibung des US-Marktführers.
Das Palantir-Manifest ist der bislang deutlichste Hinweis, dass die Ära der „neutralen“ US-Software vorbei ist – ausgesprochen vom CEO eines der einflussreichsten US-Software-Anbieter selbst. Europa hat damit alles, was es für eine begründete Beschaffungs-Entscheidung braucht: eine offizielle Selbstauskunft des Anbieters, eine wachsende Zahl produktiver europäischer Alternativen und einen Regulierungsrahmen (DSA, DMA, EU AI Act, BSI C3A), der souveräne Infrastruktur erstmals operativ messbar macht. Was jetzt fehlt, ist keine weitere Studie, sondern eine Beschaffungs-Entscheidung. Souveränität tut am Anfang weh – Abhängigkeit am Ende mehr.