Google-Legende Schmidt empfielt Europa, sich bei Infrastruktur und Technologie unabhängig zu machen. Vor Künstlicher Intelligenz warnt er: Sie sei nicht nur ein wirtschaftlicher Innovationstreiber, sondern bestimme zunehmend die internationalen Machtverhältnisse durch ihren Einfluss auf Sicherheit, politische Entscheidungen und Gesellschaftsordnungen.
Die Reden, die im Vorfeld eines Gipfels die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sind nicht immer die mit dem größten inhaltlichen Tiefgang. Auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2026 galt ein erheblicher Teil der medialen Erwartung der Rede des amtierenden US-Präsidenten. Die Substanz: Für die meisten Beobachter eher ernüchternd, die Gliederung erratisch, der Wahrheitsgehalt ausbaufähig. Deutlich weniger laut angekündigt, dafür analytisch wesentlich ertragreicher, war der Beitrag von Eric Schmidt, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Google. Seine Ausführungen zielten nicht auf kurzfristige Schlagzeilen, sondern auf eine strategische Frage, die Europa langfristig beschäftigen dürfte: die technologische und digitale Souveränität im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.
Ein Weckruf aus Davos
Schmidt formulierte in Davos einen klaren Weckruf. Aus seiner Sicht stehe Europa an einem Scheideweg. Während die USA massiv auf proprietäre KI-Modelle und industrielle Skalierung setzen und China gezielt offene, teilweise frei verfügbare Modelle entwickelt, verfüge Europa bislang weder über eine kohärente KI-Strategie noch über ausreichende eigene Infrastruktur. Ohne substanzielle Investitionen in Rechenkapazitäten, Energieversorgung und offene Software-Ökosysteme drohe eine strukturelle Abhängigkeit von ausländischen Technologie-Stacks. Diese Abhängigkeit sei nicht nur wirtschaftlich problematisch, sondern habe geopolitische und sicherheitspolitische Konsequenzen, da technologische Grundlagen zunehmend darüber entscheiden, wer Standards setzt und Handlungsspielräume definiert.
Open Source als Chance – und als Risiko
Ein zentrales Element von Schmidts Argumentation ist die Rolle von Open Source. Offene Software und offene KI-Modelle sieht er als realistische Möglichkeit für Europa, sich aus der reinen Konsumentenrolle zu lösen und wieder Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass Open Source allein nicht ausreicht. Ohne eigene Hardware, ohne ausreichend Energie und ohne industrielle Skalierung bleibe auch offene Software abhängig von den Infrastrukturen anderer Regionen. Besonders kritisch bewertete Schmidt, dass Europa zwar über exzellente Talente verfüge, diese aber häufig in Ökosystemen arbeiteten, deren technologische Basis außerhalb Europas liege.
KI und das Ende der Aufklärung?
Inhaltlich decken sich Schmidts Warnungen aus Davos mit Argumenten, die er bereits Jahre zuvor gemeinsam mit Henry Kissinger und Daniel Huttenlocher formuliert hat. In dem Buch "The Age of AI" beschreiben die Autoren Künstliche Intelligenz als eine Technologie, die nicht nur wirtschaftliche Prozesse verändert, sondern grundlegende Prinzipien von Erkenntnis, Entscheidungsfindung und politischer Ordnung beeinflusst. Die zentrale These: Gesellschaften, die die Entwicklung und Kontrolle dieser Technologie aus der Hand geben, riskieren ihre Fähigkeit zur rationalen Selbstbestimmung – im Extremfall mit Folgen, die sogar das Erbe der Aufklärung bedrohen.
Schmidts aktuelle Forderung nach eigener technologischer Handlungsfähigkeit Europas deckt sich damit weitgehend: Wer KI-Modelle, Daten und Infrastrukturen dauerhaft von externen Akteuren bezieht, verschenkt nicht nur wirtschaftliche Wertschöpfung, sondern überlässt auch die Deutung von Wissen und die Interpretation der Wirklichkeit anderen. Angesichts der Rede des US-Präsidenten auf dem WEF eine beunruhigende Vorstellung.
Regulierung reicht nicht aus
Schmidt bringt es in Davos auf den Punkt: Regulierung allein schafft keine digitale Souveränität. Instrumente wie DSGVO oder der AI Act setzen zwar wichtige Leitplanken, die zunehmend auch in anderen Regionen der Welt Nachahmer finden. Aber: Sie ersetzen keine eigene technische Infrastruktur. Entsprechend gewinnen Initiativen an Bedeutung, die gezielt in europäische Schlüsseltechnologien investieren, etwa über staatlich unterstützte Open-Source-Programme oder souveräne Technologie-Fonds. Immerhin: Die Diskussion um europäische Cloud-, Daten- und Identitätsinfrastrukturen zeigt, dass sich der Fokus zunehmend von reiner Gesetzgebung hin zu konkreten technischen Architekturen verschiebt.
KI – der neue geopolitische Machtfaktor
Schmidt sieht Künstliche Intelligenz als strategische Machtressource, vergleichbar mit Energie, Rohstoffen oder militärischer Stärke. In mehreren öffentlichen Stellungnahmen und Publikationen warnt er davor, KI nur als Produktivitätswerkzeug für Unternehmen zu betrachten. Staaten und Wirtschaftsblöcke, die die leistungsfähigsten Modelle, die zugrunde liegenden Daten und die notwendige Recheninfrastruktur kontrollieren, gewinnen aus seiner Sicht strukturelle Vorteile in Bereichen wie militärischer Aufklärung, Cyberabwehr, wirtschaftlicher Steuerung und politischer Einflussnahme. Diese Verschiebung der Machtverhältnisse verlaufe schleichend, aber stetig: Wer Standards setzt und KI-Systeme trainiert, prägt langfristig Entscheidungslogiken, Informationsflüsse und gesellschaftliche Meinungsbildung. Schmidt sieht darin eine besondere Herausforderung für Demokratien, weil autoritäre Systeme technologische Effizienz schneller in politische Kontrolle übersetzen können. Bleibe der Westen – und insbesondere Europa – technologisch zurück, bedrohe das liberale Ordnungsvorstellungen zugunsten von Machtmodellen, die deutlich weniger stark auf Transparenz, individueller Freiheit und rationaler Entscheidungsfindung basieren.
Was KI-Kontrolle für Unternehmen bedeutet
Für Unternehmen ist diese Entwicklung längst keine abstrakte politische Debatte mehr. Die Frage, wo Daten gespeichert, verarbeitet und für KI-Anwendungen genutzt werden, berührt unmittelbar strategische Themen wie Compliance, Sicherheit, Resilienz und unternehmerische Handlungsfreiheit. Abhängigkeiten von außereuropäischen Plattformen können kurzfristig effizient erscheinen, in vielen Fällen auf den ersten Blick sogar “alternativlos”. Langfristig bergen sie aber große, unkontrollierbare Risiken – sei es durch politisch motivierte Abschaltungen von Diensten, unkontrollierten Datenabfluss oder fehlende Kontrolle über die eigenen kritischen Prozesse.
Digitale Souveränität beginnt bei der IT-Infrastruktur
Vor diesem Hintergrund beginnt echte europäische Datensouveränität nicht erst auf der Ebene großer KI-Modelle, sondern deutlich früher: bei der Infrastruktur, auf der digitale Anwendungen betrieben werden. Wer Daten, Identitäten, Sicherheitsmechanismen und KI-Workloads auf Plattformen aufsetzt, die europäischen Rechtsrahmen, Sicherheitsanforderungen und Transparenzprinzipien folgen, schafft eine belastbare Grundlage für technologische Eigenständigkeit. Infrastrukturplattformen, die konsequent auf europäische Rechenzentren, offene Standards und hohe Compliance-Niveaus setzen, können Unternehmen dabei unterstützen, ihre Abhängigkeit von US-amerikanischen oder asiatischen Tech-Stacks schrittweise zu reduzieren – ohne auf Innovation und Leistung verzichten zu müssen.
Fazit: Strategische Entscheidungen von heute prägen Europas digitale Zukunft
Schmidts Warnung ist kein Alarmismus, sondern ein Weckruf. Europas technologische Zukunft entscheidet sich nicht allein auf dem militärischen Schlachtfeld oder in politischen Gremien, sondern auch in sehr konkreten Architektur- und Infrastrukturentscheidungen. Dort, wo Unternehmen heute festlegen, wie und wo sie ihre Daten verwalten und ihre KI-Anwendungen betreiben, wird die Grundlage für die europäische digitale Souveränität von morgen gelegt.